1. Die Geburt des Landes aus dem Eis: die Ostsee

Die Ostsee und ihre Steilküsten, Binnenseen und Hügellandschaft

„As uns‘ Herrgott de Welt erschaffen ded, fung he bi Meckelnborg an, un tworsten von de Ostseesid her. Un schön is’t in’n Ganzen worden, dat weit jeder, de dorin buren is un tagen; un wennen frömd Minsch ‘rinne kamen deiht, un hei hett Ogen tau seihn, denn kann hei seihn, datt unsern Herrgott sin Hand up Wisch und Wald, up Barg un See sülwst rauht hett un dat hei Meckelnborg mit in’t Og fat’t hett, as hei sach, dat allens gaud was.“
Fritz Reuter: Urgeschicht von Meckelnborg

Die Ostsee

Urkräfte waren am Werk. Riesige Eismassen stießen von Norden ins Land vor, meißelten sich ihren Weg und drängten Sand, Kies und Steine vor sich her. Immer wieder fraßen sich die Gletscher ihre Bahnen in die Erde und stauten Hügelketten vor sich auf. Als die letzte Kaltzeit der Erdgeschichte, das so genannte „Weichselhochglazial“, vor etwa 15.000 bis 12.000 Jahren zu Ende ging, gab das Schmelzwasser der Landschaft im Nordosten Deutschlands den letzten Schliff. Die Urströme von Elbe und Oder schwemmten das Land fort und bildeten weite Täler.

Ganz im Norden schwoll ein mächtiger Süßwassersee an, bis der steigende Wasserspiegel die Festlandbrücke zwischen Dänemark und Schweden flutete und sich mit dem Weltmeer verband. Die Ostsee war geboren. Bis heute nagt sie an der Küste, trägt Felsen ab und lässt mit ihren Strömungen neue Sandinseln wachsen.

Im Landesinneren hielten die Hügel das restliche Eis zurück, bis es sich in Mooren und unzähligen Seen und kleinen Wassertrichtern auflöste. Mächtige Findlinge sind die letzten Zeugen der Urkraft aus dem Norden.

Vor langer Zeit wohnte im Everstorfer Forst ein Riese mit seiner Frau. Der Berserker raubte das Vieh, zertrampelte die Felder und bestahl die Bauern. So ersannen diese eine List, wie sie ihn loswerden konnten. Einige Fässer Bier ließen ihn in festen Schlaf fallen. Die Bauern eilten mit Hacken, Spaten und Schaufeln herbei, gruben eine riesige Mulde und wälzten den Missetäter hinein. Am nächsten Morgen erfuhr seine Frau, was geschehen war, sammelte mit ihrer Schürze große Steine zusammen und legte sie auf das Grab.
Mecklenburger Volkssage über die Entstehung der Großsteingräber im Everstorfer Forst zwischen Grevesmühlen und Wismar

Die Großsteingräber

Vor etwa 7.000 Jahren ließen sich die ersten Bauern im Nordosten Deutschlands nieder, die ältesten Siedlungsspuren finden sich in Nordwestmecklenburg. Ihre Häuser sind nicht erhalten, wohl aber die Häuser für ihre Toten. Die Menschen schichteten gewaltige Granitbrocken auf, deckten sie mit Felsplatten ab und schütteten Erdhügel darüber. Hunderte Großsteingräber lassen sich bis heute im Land erkunden, die meisten an Küsten und Flüssen. Die ältesten Gräber sind über 5.000 Jahre alt und bestehen aus nur wenigen Steinen, die jüngeren sind mannshoch und bis zu 10 Meter lang.

In der Bronzezeit (ca 2000 bis 600 v. Chr.) errichteten die Menschen Hügelgräber aus Steinen, Erde, Sand und Grassoden. In den Dörfern erzählte man sich, in den Hügeln wohnten die Zwerge. Manche Zwerge liehen sich Braukessel aus und brauten so feines Bier, wie es Menschenhand nicht vermochte. Andere trieben Schabernack und tauschten die Kinder im Dorf mit Zwergenkindern aus.

In der „Hohen Nonne“, einem Hügel im Wald von Witzin, soll eine goldene Wiege stehen, streng bewacht von den Zwergen. Wer einst durch die Öffnung auf der Kuppe einen Stein hinabwarf, hörte tief unten das Klingeln von Metall. Doch kein Mensch hat es je geschafft, die Schätze des Hügels zu bergen.

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz