10. Der schwarze Ketzer: die Reformation

Predigten fürs Volk in Rostock
Anfang des 16. Jahrhunderts rumorte es im Volk. Die Reichen – oder wie man damals sagte „de groten, ryken, vornemen lüde“ – waren mit der herkömmlichen Kirche sehr zufrieden, spendeten Kapellen, um sich ihr Seelenheil zu sichern. Die Armen und Rechtlosen jedoch konnten mit dem Prunk und den lateinischen Messen wenig anfangen.

In Rostock predigte ein junger Kaplan in St. Petri in der Sprache des Volkes, für die Handwerker und Seefahrer. „Der schwarze Ketzer“ wurde er genannt, Joachim Slüter aus Dömitz an der Elbe. Sogar bei den Lutheranern war er umstritten, hatte er sogar ein Gesangbuch, einen Katechismus und ein Gebetbuch auf niederdeutsch veröffentlicht. Er starb Pfingsten 1532 mit nur 42 Jahren, und böse Zungen raunen, er wurde vergiftet…

Aus einer zeitgenössischen Chronik
„Eines Abends entstand ein furchtbares Ungewitter mit solchen gewaltigen Blitzen und so grässlichem Donner, dass man hätte glauben sollen, der jüngste Tag käme. Die Angst war in der Stadt und in den umliegenden Dörfern allgemein, und man bat Gott um die Vergebung der Sünden. Donner folgte auf Donner und plötzlich trifft ein Blitz die äußerste Spitze des schlanken, in die Wolken reichenden Turmes von St. Petri. Die Spitze brennt herunter und die Glocken schmelzen. Feuerflammen flogen in solcher Masse durch die Stadt, als ob der Himmel Feuer und die Luft Schnee regne. Die noch übrig gebliebenen Katholiken deuteten dies auf die Lutheraner, als ob diese durch ihre Lehre dieses Unglück vom Himmel erhalten hätten, glaubend, durch dieses Feuer wurde die Lehre, welche in der Petrikirche den Anfang genommen, ausgelöscht und vertilgt werden“
Zit. nach Wolf Karge, Illustrierte Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns, Rostock: Hinstorff 2008, S. 117f

Johannes Bugenhagen – Luthers „Doktor Pomeranus“
Die evangelische Lehre sollte sich dennoch bald durchsetzen. An der Stadtschule in der Pommerschen Hansestadt Treptow unterrichtete ein junger Rektor aus Wollin, der in Greifswald studiert hatte und der später von Martin Luther als „Doktor Pomeranus“ tituliert wurde: Johannes Bugenhagen.

„Was soll ich sagen? Die ganze Welt ist verblendet und in die äußerste Finsternis verstricket. Dieser einzige Mann Martin Luther siehet allein die rechte Wahrheit“, verkündete Bugenhagen einer erstaunten Abendgesellschaft im Pfarrhaus von Treptow. Bugenhagen wurde einer von Luthers wichtigsten Mitstreitern und bestimmte die neuen Kirchenordnungen in ganz Norddeutschland, und sogar bis Dänemark und Norwegen. Und er vermittelte die Brautwerbung von Herzog Philipp I. von Pommern-Wolgast mit Maria von Sachsen.

Der Croÿ-Teppich der Universität Greifswald
Auf fast 7 Metern Länge hält der niederländische Künstler Peter Heymans in seinem Stettiner Atelier die Vereinigung der fürstlichen Familien auf einem prächtigen Wandteppich fest, mit Gold und Silber durchwirkt. Das Bildprogramm stammt aus der Werkstatt von Lukas Cranach in Wittenberg: Martin Luther thront auf der Kanzel und weist mit erhobenem Zeigefinger auf den gekreuzigten Christus: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Die Kanzel zieren Symbole der Evangelisten und Moses mit den Gesetzestafeln: Der Bund Gottes mit den Menschen wird erneuert. Luthers Mitstreiter Melanchton und Bugenhagen begleiten die beiden Fürstenfamilien, die ihrem neuen Glauben vereint sind.

In Auftrag gegeben wurde der 31 m⊃2; große Bildteppich um 1554 von Herzog Philipp I. von Pommern-Wolgast für das Residenzschloss in Wolgast. Nach dem Aussterben der Wolgaster Herzoglinie erbte 1625 Anna von Croÿ, die Schwester des letzten Pommernherzoges Bogislaw XIV, dieses bedeutende Zeugnis der Reformation. Ihr Sohn, Ernst Bogislaw von Croÿ und Arschot schenkte die wertvolle Renaissance-Tapisserie der Universität Greifswald. Heute ist dieses künstlerische Vermächtnis des Pommerschen Herzoghauses als Leihgabe im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald zu sehen.

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz