2. Die Herren der Lüfte und Vögel des Glücks

2. Mutter Erde: Der germanische Nerthus-Kult

Der Kultwagen von Peckatel
Er ist nur winzige 38 cm hoch und dennoch einer der größten, alten Schätze Mecklenburgs, die bislang entdeckt wurden: der Kultwagen von Peckatel. Östlich von Schwerin hoben Archäologen Mitte des 19. Jahrhunderts ein Männergrab aus. Der Mann muss ein Priester gewesen sein, denn zu den Schätzen, die ihm seine Sippe mit auf die letzte Reise gab, gehört ein Kultwagen aus Bronze. Der Kessel auf vier filigranen Rädern ist über 3000 Jahre alt. Was genau der Priester mit diesem kostbaren Kessel zelebriert hat, ist ungewiss, da die Menschen ihre Geschichte damals noch nicht schriftlich für die Nachwelt festhielten.

Der Nerthus-Kult der Germanen
Ein gutes Jahrtausend später überliefert der römische Geschichtsschreiber Tacitus einen germanischen Kult aus dem Ostseeraum, in dessen Mittelpunkt ein heiliger Wagen steht – und eine göttliche Botschafterin des Friedens:

„Nerthus … ist die Mutter Erde. Die Völker des Nordens glauben, dass diese eingreife in der Menschen Leben und in der Völker Mitte fahre. Es ist auf einer Insel im Ozean ein heilig-reiner Hain und in demselben ein geweihter, mit einem Gewand bedeckter Wagen, zu berühren nur dem Priester gestattet. Dieser weiß genau, wenn die Göttin im Heiligthum gegenwärtig ist, und begleitet sie, von weiblichen Rindern gezogen, mit tiefer Verehrung.

Freudenvoll sind dann die Tage, festlich all die Orte, welche die Göttin ihres Besuches und Eintretens würdigt; keine Kriege beginnen sie, keine Waffen ergreifen sie; verschlossen ist jedes Eisen; Friede und Ruhe sind dann allein bekannt, sind dann allein geliebt, bis die des Umgangs mit den Sterblichen satte Göttin der nämliche Priester dem Heiligthume zurückgibt.

Hierauf wird der Wagen nebst den Gewändern, und, wenn man glauben will, das Gotteswesen selbst in geheimem Teiche gebadet. Sklaven sind da die Diener, welche sogleich der nämliche See verschlingt. Daher geheimnisvoller Schauer und heiligfromme Unwissenheit, was jenes Wesen sei, das nur dem Untergang Geweihte sehen.“
Tacitus: Germania

Rätselvolle Steinkreise
„Germanen“ wurden die ortsansässigen Stämme erst kurz vor unserer Zeitrechnung genannt. Schriftzeugnisse haben sie nicht hinterlassen. Wohl aber geheimnisvolle „Steintänze“. Im Wald von Boitin im Landkreis Güstrow sind mächtige Findlinge zu vier Steinkreisen geordnet. Ein Richtplatz? Eine Sternwarte? Ein magischer Schutz für die Ahnen, die hier begraben sind? Die Archäologen sind unschlüssig.

Im Glauben der alten Völker geben die Ahnen den Lebenden Kraft, und diese Kraft lässt sich durch magische Riten übertragen. Die großen Steine beherbergen die Seelen der Vorfahren, so dass durch den Steinkreis ein Kraftfeld ausstrahlt. Wenn die Menschen im Umfeld der Steine ihre Riten feiern, überträgt sich die Kraft der Ahnen auf sie.

Der Volksmund erklärt die Steinkreise auf seine Weise:

„Eine Hochzeitsgesellschaft wanderte nach ausgelassener Feier durch den Wald heimwärts. Brot und Käse sollte den Hunger zwischendurch stillen, doch einige trunkene junge Burschen packte der Übermut. Sie fingen an, mit Käse und Brot zu kegeln, andere tanzten im Ringelreigen um sie herum. Ein grimmiger, alter Mann kam aus dem Dickicht: Wehe dem, der mit wertvoller Nahrung frevelt! Sie lachten ihn aus. Doch plötzlich tat es einen lauten Donnerschlag: Die Gesellschaft war zu Stein erstarrt.“
Mecklenburgische Volkssage

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz