5. Das Herz des freien Marktes: Hansestädte

5. Das Herz des freien Marktes: die Hansestädte

Die Einwanderung deutscher Migranten
Die jahrhundertelangen Kämpfe zwischen den einheimischen Slawen und den christlichen Eroberern im frühen Mittelalter haben das Land weitgehend entvölkert und eine wüste Wildnis hinterlassen. Gezielt werden nun deutsche Migranten ins Land gelockt, um das verheerte Land wieder fruchtbar zu machen. 90% der Bevölkerung sind Bauern. Aus asketischen Mönchen werden reiche Grundherren, die ihr Land einträglich an die Bauern verpachten. Daneben hat der Landadel das Sagen; die Bauern verkaufen ihre Ernte auf den Wochenmärkten und treten Zinsen und Pachten an die Landesherren ab. Zunehmend wird mit Geld bezahlt, nicht mehr mit Getreide oder Schlachtvieh. Um die Märkte und Häfen siedeln sich Händler und Handwerker, Bierbrauer und Seeleute an.

Ein Bauboom sondergleichen
Innerhalb weniger Jahrzehnte entstehen im 13. Jahrhundert die meisten Städte der Region, viele in der Nähe der ehemaligen slawischen Siedlungen, andere mitten auf der grünen Wiese, strategisch gut gelegen an den Handelsrouten. Rostock und Wismar, Gadebusch und Wittenburg, Stralsund und Greifswald werden gegründet.
Die Stadt wird zum Symbol einer neuen gesellschaftlichen Ordnung – der Marktwirtschaft.

Die Stadt als lebender Organismus
Der Marktplatz ist das Herz der neuen Städte. Die Kirchen sind die Seele, die Ratsstuben das Hirn und der Hafen der Rachen, der die Warenströme dem Organismus einverleibt. Die lebende Stadt ist verwundbar und braucht eine schützende Haut: die Stadtmauer.

Strenge Ordnung nimmt das Wachstum der Städte unter Kontrolle. Von oben, aus der Vogelperspektive, sehen die mittelalterlichen Stadtkerne aus wie ein Schachbrett. Der rechte Winkel beherrscht Gassen und Grundstücke. Zweckmäßigkeit und Effizienz bestimmen das Denken der Stadtplaner: Die Waren sollen schnell, ohne Umwege, zum Ziel kommen.

Auch in der Landwirtschaft hält das effiziente Denken Einzug: Das Ackerland wird in Parzellen geteilt, fortschrittliche Anbaumethoden wie der eiserne Pflug mit Rädern und die Dreifelderwirtschaft – der regelmäßige Wechsel von Wintergetreide, Sommergetreide und Brache – steigern die Erträge.

Die Hanse – von der Gemeinschaft der Kaufleute zum Städtebund
Schon im 12. Jahrhundert hatten sich die Händler zu Genossenschaften zusammengeschlossen, um sich auf der Fahrt vor Überfällen zu schützen und an wichtigen europäischen Handelsplätzen gemeinsam freie Handelsrechte zu erstreiten. „Hansen“, so nannten sie ihre Verbünde, was so viel wie „Schar“ oder „Gemeinschaft“ bedeutet. Die strategische Partnerschaft erwirkt bald politische Macht. Vorreiterin ist die freie Stadt Lübeck, von der alle Städte der südlichen Ostsee das „lübische Recht“ übernehmen. Ein Recht, das die reichen Kaufleute zur herrschenden Schicht der Städte erklärt. Es garantiert wichtige Privilegien und die politische Entscheidungsfreiheit des Stadtrates, der von den Fernhändlern dominiert wird.

Vorläufer der Europäischen Union
Im Jahr 1260 schließen Lübeck, Wismar und Rostock ein Abkommen, um die Schifffahrt in der Ostsee gemeinsam abzusichern und sich zu regelmäßigen „Hansetagen“ zu treffen. Später treten Greifwald und Stralsund dem Städtebund bei, das „wendische Quartier“ wird zum Kern der Hanse. Die „Hanse“ ist von einer Interessengemeinschaft der Kaufleute zu einem politischen Instrument avanciert. Das Bündnis der Hansestädte gilt heute als Vorläufer der Europäischen Union. Sogar eine gemeinsame Währung wird geschaffen. Und das Niederdeutsche wird rund um die Ostsee die Hauptverkehrssprache.

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz