7. Auf hoher See: von Koggen und Kaperfahrern

7. Auf hoher See: von Koggen und Kaperfahrern

Die Kogge
Ein Schiff wird zum Markenzeichen: Die Kogge ziert die Siegel, mit der die Hansestädte ihre Verträge verbriefen. Während die Wikinger und Slawen noch mit schmalen Ruderbooten unterwegs waren, sind die mittelalterlichen Hochseeschiffe kurz und dickbauchig, hochbordig und gedrungen. Hauptsache war, viel Fracht zu laden. Mit ihren Rahsegeln konnten die Koggen auf der Ostsee ordentlich Tempo machen. Für Seeschlachten waren sie nicht gedacht: Die Hansestädte versuchten, sich aus den Eroberungskriegen der Großmächte herauszuhalten und setzten stets auf Diplomatie und Ausgleich der Kräfte. Krieg stört den Handel und mindert die Gewinne.

Die Schattenseiten des Reichtums
Abseits der Prachtfassaden, in den verborgenen Winkeln der Stadt, hausten die Knechte, Mägde und einfachen Arbeiter dicht gedrängt in Holzhütten, Buden und Wohnkellern. Mitte des 14. Jahrhunderts wütete der „Schwarze Tod“ in Europa. In Deutschland raffte die Pest etwa ein Zehntel der Bevölkerung dahin. Missernten kamen hinzu; die Bauern hungerten.

Adelige Piraten
Der niedere Landadel konnte die Felder nicht mehr bewirtschaften und geriet in die Krise. Das Waffenhandwerk beherrschten die Ritter jedoch von der Pieke auf. Sie wechselten das Metier: Raub auf See und an Land ließ die Handelswege immer gefährlicher werden. Die mittelalterlichen Chroniken halten blutrünstige Geschichten fest. Sie inspirieren die Fantasie des Volkes – und die der Schriftsteller bis in spätere Jahrhunderte, wie Theodor Fontane:

„Ein Spielmann aus dem Lübischen erzählte in einer Ballade von den gefürchteten Seeräubern, die, seit Jahr und Tag, die Nord- und Ostsee befuhren und um der »Viktualien« willen, womit sie das belagerte Stockholm eine Zeitlang verproviantiert hatten, die Viktualien- oder Vitalienbrüder hießen. Andere nannten sie die »Likedeeler« oder Gleichteiler, wie ihr Raub, wenn er verteilt wurde, zu gleichen Teilen ging. Während des letzten Sommers aber hatten sie gegen ein hochbordiges Orlogschiff der Stralsunder, das sie mit mehreren ihrer kleinen Schiffe tollkühn anzugreifen versuchten, unterlegen, und einige Hundert von ihnen waren gefangengenommen worden. Und nun entstand die Frage, wohin mit ihnen? Auf dem Orlogschiffe, so groß es war, hatte man nicht Ketten und Stöcke genug, um sie zu schließen, und die Gefangenen andererseits bei freier Bewegung zu belassen, verbot sich, weil man sich wohl entsann, wie die Vitalienbrüder, bei sehr ähnlichen Gelegenheiten, die schlafende Schiffsmannschaft überfallen und erwürgt hatten. So kam man denn zu dem Entschluß, ihnen gegenüber dasselbe Mittel anzuwenden, das sie selbst einst, in einem siegreich gegen die Dänen geführten Kriege, zur Marterung ihrer Gefangenen erdacht hatten. Man nahm also Tonnen, deren das Schiff mehrere Hunderte hatte, schlug den unteren Boden aus und schnitt in den oberen Deckel ein Loch, gerade groß genug, daß ein Mensch den Kopf durchstecken konnte. Danach preßte man den Vitalienbruder in die Tonne hinein (nur mit dem Kopfe draußen) und schlug nun die Tonne von unten wieder zu. So wurden alle Gefangenen auf Achterdeck aufgestapelt und nach Stralsund abgeführt, wo man sie herausnahm, freilich nur um ihnen am selben Tage noch in summarischem Verfahren die Köpfe vom Rumpfe zu schlagen.“
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg; Quitzöwel

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz