6. Alles nach Maß: Backsteingotik und Bärte

6. Alles nach Maß: Backsteingotik und Bärte

Der Backstein
Im Küstengebiet gibt es keine Steinbrüche für Sandstein oder Kalkstein – vielmehr hatten die Gletscher den Stein abgeschmirgelt und zu Lehm verdichtet. Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Um ihn den Winden und dem Regen Norddeutschlands aussetzen zu können, brannte man ihn zu naturroten Ziegeln. Der Backstein gab den mittelalterlichen Städten im Norden sein prägendes Gesicht.

Kirchen-Kolosse
Zunächst wuchsen vor allem die Kirchen in den Himmel. Schwer, fast erdrückend, bäumen sich die Kirchen-Kolosse inmitten der engen Gassen in den mittelalterlichen Städten auf. Die strenge, geometrische Form der Ziegel hält Maß, lineare Mauerfugen spinnen ein feines Netz, aus dem einzelne Quader vor- und zurückspringen. Einige Ziegel wurden farbig glasiert und bilden schwarze, grüne, rote oder gelbe Muster.
Im Inneren der norddeutschen Backsteinkirchen streben hohe, schlanke Pfeiler in den Himmel, zum Ewigen hin. Wände lösen sich auf in den riesigen, überwölbten Hallen; große, oft farbig verglaste Fenster lassen Licht hereinstrahlen – die Kraft Gottes ist unsichtbar und schwerelos.
In den Kirchen wurden auch die ersten Versammlungen des Stadtrates abgehalten, und der Stadtschreiber hielt in seiner Stube die Beschlüsse fest. Reiche Familien und Handelsgenossenschaften richteten sich eigene Kapellen ein.
Geweiht wurden die Kirchen zumeist den populären Leitfiguren der Ostsee-Region: Neben der Gottesmutter Maria waren das der heilige Nikolaus, Patron von Handel, Schifffahrt und Fischerei, und Jakob, der Schutzheilige der Pilger und Reisenden.

Drehkreuz des Fernhandels in Europa
Die deutsche Ostseeküste wird zum Drehkreuz des europäischen Fernhandels. Die niederdeutschen Kaufleute avancierten zu den wichtigsten Zwischenhändlern, deren riesiges Einzugsgebiet im Norden bis Norwegen, im Osten bis Sibirien, im Westen bis Frankreich und England und im Süden bis ans Mittelmeer und über die Seidenstraße sogar bis Fernost reichte. Die Bevölkerung wuchs rasant, und mit ihr die Nachfrage nach Luxus- und Massenwaren.

Das Relief in der Stralsunder Nikolaikirche
Ein einheimischer Künstler schnitzt den geschäftlichen Alltag der Fernhändler für die Stralsunder Nikolaikirche um 1380 in Eichenholz – das Relief mit 4 Holztafeln ist eine einzigartige mittelalterliche Darstellung des Ostseehandels und vermutlich das älteste Bild der Stadt Riga.

Russische Jäger mit geflochtenen Bärten und turmhohen Fellmützen streifen durch den Wald. Hermelin und Zobel gehen in Deckung, doch der Bogenschütze hat ein Eichhörnchen entdeckt. Das Fell der Eichhörnchen ziert die Mäntel der Reichen. In ausgehölten Baumstämmen werden Waldbienen gezüchtet. Honig und Wachs sind die Exportschlager aus Osteuropa. Die Jäger bieten ihre Waren den deutschen Händlern im Kontor in der Stadt feil. Mit einer steinernen Mauer schützen sich die Städter gegen Angriffe von außen. Ihre Häuser sind aus Backstein gemauert – der Werkstoff der wohlhabenden Bürger im Ostseeraum.

Die ersten Ratshäuser
Bald wurden eigene Ratshäuser errichtet, mit prächtig verzierten, feingliedrigen Schmuckgiebeln, Fassaden und Türmen. Eine Mischung aus Kaufhaus und Parlament: Das Untergeschoss diente den Handelsgeschäften, während oben der Festsaal und die Ratsstube lagen. Die Wohn- und Geschäftshäuser der vermögenden Fernhändler und Ratsherren geizten auch nicht mit repräsentativem Prunk. Der geschlossene Eindruck der mittelalterlichen Altstädte von Wismar und Stralsund, Rostock und Greifswald, mit ihren Giebelhäusern und zentralen Marktplätzen, zeugt von der Blüte der Hansestädte im 14. und 15. Jahrhundert.

Die Fürsten mussten draußen bleiben: Geschickt verhinderten die Räte der Hansestädte, dass die Landesherren große Residenzen innerhalb der Stadtmauern errichteten. So herrschten die Fürsten mehr über das Hinterland und weniger über die einträglichen Küsten.

© Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag, Tüschow/MV 2014, Nachdruck nur mit Genehmigung der Verfasserin,
Kontakt: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

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Illustration: Bettina Schulz